Vize-Europameister über 400m Hürden

49.14 s - U23-Schweizer-Rekord - WM-Limite für London - Silbermedaille an der U23-Europameisterschaften

Auch knapp zwei Tage nach meinem Rennen erscheint mir das Geschehene noch surreal.
Bereits in der Vorrunde konnte ich auf Bahn 4 in 50.45 s eine neue persönliche Bestzeit aufstellen und mir so einen der 16 Startplätze im Halbfinal sichern.


Halbfinal vom Samstag
Erneut auf Bahn 4 startend, hatte ich hinter dem Norwegischen Diamond-League Meeting Sieger Karsten Warholm eine super Ausgangslage. Der Start ins Rennen gelang mir ausserordentlich und obwohl mein Ziel war, mich einzig und allein auf mich und mein Rennen zu konzentrieren, zog mich der Norweger mit seinem rasanten Tempo förmlich mit. Die 200 m Marke überquerte ich in 22.98 s, ganze acht Zehntelsekunden schneller als im Vorlauf. Auch auf der zweiten Streckenhälfte konnte ich einen guten Rhythmus laufen und die letzte Hürde in Führung überqueren. Auf den letzten Metern vermochten mich Karsten Warholm und auch der Franzose Victor Coroller noch abzufangen. Trotzdem konnte ich mir auf dem dritten Platz in 49.37 s die direkte Finalqualifikation sichern. Mit dieser Zeit verpasste ich die WM-Limite für London um zwei Hundertstelsekunden (49.35 s) und den von WM-Bronzemedaillengewinner Marcel Schelbert gehaltenen U23 Schweizer Rekord (49.33 s) um vier Hundertstelsekunden. 
Warholm gewann die Serie in 49.29 s, gefolgt von Coroller in 49.30 s.

Facts zur EM:
Die U23-EM wurde dieses Jahr zum 11. Mal ausgetragen. Vor dieser EM konnte die Schweiz sechs Medaillen von solchen Meisterschaften vorweisen. Fünf davon in Einzeldisziplinen und eine in der 4x100 m Staffel.

Die beiden einzigen männlichen Medaillengewinner wurden bei der ersten Austragung im Jahr 1997 gekürt. Es waren dies André Bucher (800 m) und Marcel Schelbert (400 m Hürden).

Mit fünf Medaillen war die EM 2017 in Polen der für die Schweiz erfolgreichste Nachwuchsgrossanlass in der Geschichte.


Final vom Sonntag
Nun war es soweit. Mit dem Ziel, diesen Lauf, den Final der U23-EM zu erreichen, war ich angereist. Aufgrund von Platz drei im Halbfinal wurde ich auf Bahn acht eingeteilt. Ich wusste, heute bin ich der Gejagte und nicht wie in den vorherigen Runden auf Bahn 4 der Jäger. Meine Ziele waren klar, schnell anlaufen, aktiv zur Hürde, einen guten Rhythmuswechsel und ab der sechsten Hürde das Rennen neu lancieren und jede Hürde angreifen, als wäre es die letzte.
Ins Rennen startete ich erneut sehr schnell und so konnte ich schon an der zweiten Hürde den Schweden Andersson überholen. An einen Grossteil des Rennens kann ich mich nicht mehr erinnern. Erst an der achten Hürde realisierte ich kurz, dass Warholm bereits die Hürde überquert hatte, was mich antrieb erneut die letzten Kräfte zu mobilisieren, denn wenn er hier war, konnten die anderen nicht mehr allzu weit sein. Das letzte Hindernis lag vor mir, damit auch der letzte Schrittwechsel auf den 16er. Ich griff die Hürde an, krachte mit dem Fuss hinein und brachte sie zu Fall. Ein kleiner Stolperer brachte mich kurz aus dem Konzept, genau dieser gab mir jedoch den letzten Adrenalinschub und so stürmte ich mit allen noch verfügbaren Kräften in Richtung Ziellinie. Ich warf mich nach vorne und schaute nach links. Ungläubig realisierte ich, da sind nicht drei oder vier Gegner, einer war vor mir, Karsten Warholm. Der andere Läufer, Ludvy Vaillant, erreichte das Ziel kurz nach mir. Der Blick auf die Anzeigetafel verriet mir noch nichts in den ersten Sekunden, es fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit, bis auf der Tafel die drei ersten Läufer bekanntgegeben wurden.

Rang 1 NOR    Karsten Warholm 48.37 s   (Championship Record)
Rang 2 SUI      Dany Brand 49.14 s              (NUR23)
Rang 3 FRA     Ludvy Vaillant 49.31 s          (PB)

Ich wusste ich bin U23-Vizeeuropameister, doch es wäre gelogen zu sagen ich hätte in diesem Moment realisieren können, was genau passiert war.
Der Applaus und die Schreie, die aus der Ecke in der ein Grossteil der Schweizer Athleten und Fans sassen kam, war unglaublich und liess mich die Realität ein wenig begreifen.
Die Realität, als Gewinner der Silbermedaille, als neuer U23-Schweizer-Rekordhalter und mit der Limite für die Weltmeisterschaften in London wieder nach Hause zu reisen.
Nur knappe 30 Minuten nach dem Rennen stand die Siegerehrung an. Der Präsident des Europäischen Leichtathletikverbands, Svein Arne Hansen, überreichte uns die Medaillen und kurz darauf erklang die Norwegische Nationalhymne.
Als ich im Schweizer Dress auf dem Podest stand, die Medaille umgehängt, den Blumenstrauss in der Hand, dieser Moment erfüllte mich mit Glück und Stolz wie kein Moment zuvor.

Links zu den Swiss Athletics Berichten:
→ Bericht vom Final
→ Bericht vom Halbfinal
→ Bericht vom Vorlauf

Links zu den Videos im UBS Athletics Fan Corner:
→ Video der Siegerehrung
→ Video vom Final
→ Video vom Halbfinal
→ Video vom Vorlauf